14.11.2015 Judo- und SV-Kurs für blinde Kinder in Horb

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Bei der SV-Einheit ging es richtig zur Sache. Den Kindern hat es sichtlich Spaß gemacht.

Ein Lehrgang der besonderen Art und der Mut machen soll, fand am vergangenen Samstag in der großen Stadionhalle in Horb statt. Der Judo Club Horb bot in Zusammenarbeit mit der Nikolauspflege Stuttgart – eine Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen – einen Judo-Schnupperkurs für blinde Kinder an. Unterstützung gab es zusätzlich von der Kampfkunstschule Wolfschlugen, die mit zwei Trainern eine Trainingseinheit in Selbstverteidigung angeboten hatten.

Wie kam es zu diesem besonderen Lehrgang? Seit rund eineinhalb Jahren trainiert der blinde Hamza San beim Judo Club Horb. Seine Mutter hatte bei dem verantwortlichen Trainer Jens Eggert angefragt, ob denn ein blindes Kind überhaupt Judo erlernen könne. Das war keine Frage, die für ihn ernst zunehmen war. Klar! Judo ist so vielseitig, dass auch behinderte Menschen diesen schönen Kampfsport erlernen können. Nicht umsonst gibt es auch bei den Paralympics Wettbewerbe im Judo. Nachdem ihr Sohn Hamza seine erste Gürtelprüfung abgelegt hatte, fragte seine betreuende Blindenlehrerin Susanna Möckel an, ob man denn nicht einen Lehrgang für blinde und stark sehbehinderte Kinder anbieten könnte. Aus der Idee wurde Wirklichkeit.

Die Nikolauspflege in Stuttgart schrieb landesweit einen sogenannten BLUBS-Kurs aus, zu dem sich leider nur vier Kinder angemeldet haben. Vermutlich waren sehr weite Anfahrtswege bei den Adressaten der Grund, dass sich zu diesem Termin nur wenige angemeldet hatten. Die Abkürzung BLUBS steht für „Besondere Lernangebote zur Unterstützung blinder und sehbehinderter Schüler“. Ziel der besonderen Lernangebote ist, in sogenannten Schülerkursen inklusiv beschulten, sehbehinderten und blinden Schülern die sonderpädagogischen Inhalte zu vermitteln, die im Unterricht der allgemeinen Schule nicht oder nur am Rande thematisiert werden. 

Die geringe Teilnehmerzahl hielt aber die Trainer nicht davon ab, den Lehrgang trotzdem durchzuführen. Denn mit dieser Maßnahme will man den Betroffenen Mut machen, sich auf die Matte zu wagen um Judo zu erlernen. Für die Judoeinheit war Jens Eggert vom Judo Club Horb verantwortlich, der Träger des 5. Dans ist. Für die Selbstverteidigung waren Christoph Zayer, Träger des 1. Dan ATK-SV und Timo Lutz 3. Kyu zuständig („ATK-SV“ bedeutet Anti-Terror-Kampf-Selbstverteidigung).

Drei der vier Kinder hatten mit ihren Eltern einen weiten Weg auf sich genommen, um an diesem besonderen Event teilnehmen zu dürfen. Hamza (8 Jahre) kommt aus Ergenzingen, Linn (9 Jahre) kommt aus Kirchheim/Teck, Paul (8 Jahre) kommt aus dem Raum Crailsheim und Süfyan (10 Jahre) aus dem Raum Öhringen.

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Beim Laufen über die Matte wurden die blinden Kinder von anderen geführt.

Zu Beginn der Veranstaltung gab es eine kleine Vorstellungsrunde. Drei Mädchen des Judo Club Horb (Ruveyda, Nele und Leonie) stellten sich als Partnerinnen zur Verfügung. Nach einer lockeren Aufwärmeinheit wurde den Kindern das sichere Fallen in die Seitlage vermittelt. Zuerst lernten sie aus dem Sitzen sicher auf eine Seite zu fallen. Danach folgte das kontrollierte Fallen am Partner. An dieser Stelle war es besonders wichtig, dass das Vertrauensverhältnis zwischen den sehenden und blinden Partnern stimmte, denn die Blinden können anfangs nur schwer abschätzen, wann man auf der Matte aufkommt. Doch schon nach wenigen Runden war die Sicherheit bei den Kindern so groß, dass man in das Erlernen der ersten Wurftechnik übergehen konnte, dem O-soto-otoshi, einer Beinstelltechnik. Die blinden Kinder mussten sich ganz auf ihr Körpergefühl und auf ihre Partner verlassen. Das sichere Werfen und geworfen werden klappte „wie am Schnürchen“. Dem Wurf folgte gleich der fließende Übergang in einen Haltegriff, dem Kuzure-kesa-gatame. Als Beispiel für den Bodenkampf lernten die Kinder, wie man einen Partner, der sich in der Bankposition befindet, von der Seite her angreifen und in den erlernten Haltegriff nehmen kann. Zum Ende der Judoeinheit gab es kleine „Zweikampfübungen“, bei denen es darum ging, wer am besten seinen Partner 20 Sekunden im Haltegriff halten konnte.

Nach einer ausgedehnten Mittagspause führten Christoph Zayer und Timo Lutz die Kinder in die Geheimnisse der Selbstverteidigung ein. Christoph Zayer vermittelte den Kindern, dass auch ihre Stimme eine „Waffe“ sein kann. Ein lautes Rufen von „Lass mich los!“ kann einem Angreifer vermitteln, dass man es hier mit einem wehrhaften Kind zu tun hat. Durch konsequente Durchführung von einfachen Bewegungen in Verbindung mit dem lauten Rufen können sich Kinder gut zur Wehr setzen. Besonderen Spaß hatten sie daran, als eine Technik aus der Selbstverteidigung mit dem erlernten Judowurf kombiniert werden konnte. Auch das erfolgreiche Abwehren von Griffen am Handgelenk machte Mut. Die beiden ATK-Trainer vermittelten zum Ende ihrer Einheit den Kindern, wie man sich mit dem Blindenstock erfolgreich zur Wehr setzen kann.

Nach dem Training setzten sich die Teilnehmer nochmals zusammen und ließen den Tag Revue passieren. Für alle war dieser Lehrgang ein voller Erfolg. Die Trainer, die bisher keine Erfahrungen mit Blinden hatten und die blinden Kinder hatten gelernt, dass man trotz dieses „Handicaps“ erfolgreich beim Kampfsport mitmachen kann. Die sehenden Partner lernten, dass Judo mit Blinden genauso viel Spaß macht, wie mit sehenden Kindern. Die beiden betreuenden Lehrerinnen der Nikolauspflege, Susanna Möckel und Wibke Zayer stellten fest, dass beim Judo durch die passende eins zu eins Situation die Kinder ideal im Training mit eingebunden werden können.

Für die Trainer steht fest, dass sie im nächsten Jahr wieder einen solchen Lehrgang anbieten wollen. Vielleicht wird dieser Bericht bei den anderen Betroffenen das Interesse wecken, doch einen längeren Weg auf sich zu nehmen, um einmal ein paar Schritte auf einer Judomatte zu wagen.

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Zu Beginn gab es eine kleine Vorstellungsrunde.

 

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Beim Zug-Spiel gab es anfangs „nur“ eine Lok und einen Anhänger. Auf Kommando wurde der Zug immer länger.
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Bevor es ans Werfen ging, wurde das Fallen auf die Seite im Sitzen geübt.

 

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Wichtig war, dass die Sehenden beim Üben der Falltechnik seitwärts immer auf eine korrekte Körperhaltung achteten.

 

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Ein „alter Hase“ in Sachen Falltechnik ist Hamza, der schon seit einiger Zeit im Verein trainiert und sich aktuell auf seine Gelbgurtprüfung vorbereitet.

 

 

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Das Festhalten in der Bodenlage war kein Problem. Man musste sich einfach nur auf sein Körpergefühl verlassen.

 

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Bodenkampf macht Spaß!

 

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Bei der SV-Einheit ging es am Anfang darum, wie man geschickt seinen Kopf vor Schlägen von der Seite schützen kann.

 

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Das Herauswinden aus einem beidhändigen Griff ans Rever war schnell erlernt.

 

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Anschließend ging es dem Angreifer nicht an den Kragen, sondern an die Nase, die bei jedem Menschen sehr empfindlich auf Druck reagiert.

 

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Zum Glück hatte keiner der Teilnehmer Schnupfen. 🙂

 

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Am Ende wurde eine SV-Übung mit einem Judowurf, dem O-soto-otoshi kombiniert.

 

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Dieser Lehrgang hatte allen Teilnehmern viel Spaß gemacht.

 

 

 


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